Geisel 25.04.2017 09:25

Geisel

Guy Delisle gehört zu den interessantesten Zeichnern. Nicht nur, weil er mit wenigen Strichen sehr ausdrucksstarke Figuren zu Papier bringen kann, sondern weil er ein Thema auch erstklassig strukturiert und dann spannend und informativ erzählt. Seine Reportagen aus aller Herren Ländern, wie seine Aufzeichnungen aus Jerusalem, zeigen das sehr deutlich. Und alles, was er so nebenbei publiziert, wie seine Ratgeber für schlechte Eltern oder die Abenteuer seines Sohnes Louis sind hübsche, nicht selten selbstironische Geschichten, die man prima zwischendurch lesen kann. Allen diesen Alben – ob Reisebericht oder Elternstress – ist gemeinsam, dass sie auf eigenen Erfahrungen beruhen.

Mit Geisel betritt Delisle Neuland. Diesmal erzählt er nicht seine eigene, sondern eine fremde Geschichte: die von Christophe André, einem Mitarbeiter der NGO Ärzte ohne Grenzen, der 1997 im Nordkaukasus von tschetschenischen Separatisten entführt wurde. Delisle hat sich mit ihm über seine Gefangenschaft unterhalten, und dann dieses Album daraus gemacht.

Nun ist bei einer solchen Geschichte zumindest eins von Anfang an klar: Wenn Delisle später mit André darüber geredet hat, muss André lebend aus der Sache rausgekommen sein. Was der Geschichte von vorn herein einiges an Spannung nimmt. Und so zeichnet Delisle zwar die Ungewissheit der Geisel – Wo bin ich hier? Wer sind die? Was wollen die von mir? Gibt es Verhandlungen über meine Freilassung? Weiß meine Organisation, wissen meine Freunde überhaupt, dass ich entführt wurde? Und wenn ja, warum, verdammt, dauert das alles so lange???

Das Album ist ein typischer Delisle: Wenig Striche, viel Ausdruck, und sehr viel Information über die Situation eines Menschen, der nicht weiß, wer ihn weshalb entführt hat, und wie lange er das alles noch ertragen muss.

Geisel von Guy Delisle, Klappenbroschur, 432 Seiten, zweifarbig, Preis: 29,00 EUR

Quelle: comickunst