Tunnel - eine israelische Satire 11.01.2021 10:35

Tunnel - eine israelische Satire

In Israel paart sich religiöser Irrsinn mit politischem Fanatismus wie in keinem anderen Flecken der Welt. Das wird auch in diesem Album deutlich:

„Dies ist mein politischstes und komischstes Buch zugleich“, sagt die israelische Comiczeichnerin Rutu Modan. Mit ihrer neuen Graphic Novel zeigt sie, wie man mit den Mitteln der Satire sehr unterhaltsam gegen die Verbohrtheit und für den Frieden kämpfen kann. Sperranlagen an Grenzen bringen die Menschen dazu, nach Möglichkeiten zu suchen, sie zu umgehen.

Stellen Sie sich vor, eine Gruppe Israelis baut einen Tunnel in die Westbank, weil sie dort religiöse Artefakte vermutet. Ebenso zielstrebig bauen Palästinenser in entgegengesetzter Richtung ihren unterirdischen Gang. Wenn sich diese Wege kreuzen, müssen sie sich irgendwie arrangieren, wenn sie nicht auffliegen wollen … – Soweit der Verlagstext.

Wahrscheinlich liest sich dieses Album für Bewohner der Gegend lustiger als für Menschen, die nicht mit allen Details der Nahost-Problematik vertraut sind, aber auch so hat es erheiternde Passagen. Schon alleine die Diskussion zwischen zwei frommen Juden über die Frage, ob der Herr es gestattet, dass man am Sabbat Geschirr spült, zeigt, wie unterschiedlich man göttliche Regeln – je nach Interessenlage – auslegen kann. Einfach köstlich.

Die junge Israelin, deren Vater als Archäologe tätig war und sie oft zu Ausgrabungen mitgenommen hat, interessieren solche Fragen allerdings weniger. Sie ist auf der Suche nach der Bundeslade. Für die weniger bibelfesten: Die Bundeslade enthielt nach biblischer Darstellung unter anderem die zwei Steintafeln mit den Zehn Geboten, die Mose von Gott erhielt (Wikipedia). Einen historischen Beweis für die tatsächliche Existenz dieses Artefakts gibt es allerdings nicht.

Nun tummeln sich in der Gegend Vertreter vielerlei Religionen, die bestrebt sind, die Gebote ihres Herrn zu erfüllen. Dazu kommen allerlei Konkurrenzkisten innerhalb der jeweiligen Gruppen – und dann sind da noch terroristische Banden wie die des IS. Einige Vertreter dieser Gruppen treffen beim Tunnelbau (aus verschiedenen Richtungen) aufeinander. Woraus sich die Frage ergibt, wie man miteinander umgeht, wer wem vertrauen kann und wer ein Spitzel der anderen Seite ist.

Das Schöne an diesem Album: Es zeigt, dass man auch über konfessionelle und politische Differenzen hinweg zusammenarbeiten kann, wenn es der – zumindest scheinbar – gemeinsamen Sache dient. Für meinen Geschmack zwar etwas zu langatmig, und wahrscheinlich liest sich dieses Album für Bewohner der Gegend tatsächlich lustiger, aber wenn man sich durchgearbeitet hat bringt die letzte Seite die Absurdität dieses religiösen Wahns noch einmal wunderbar auf den Punkt. Von Rutu Modan (Das Erbe) in Ligne Claire-Stil gezeichnet.

Und nein: Es macht keinen Sinn, zuerst die letzte Seite anzusehen,

weil sich der Gag erst aus dem Inhalt der Geschichte ergibt.

Tunnel von Rutu Modan,

HC, 280 Seiten farbig, Preis 28,00 EUR

Quelle: © Carlsen/comickunst/stripspeciaalzaak.be