Moby Dick

Melvilles Moby Dick scheint ein Lieblingsbuch von Comiczeichnern zu sein. Es gibt Adaptionen von Pierre Alary, von Christophe Chabouté und – eine ausführlichere – von Isaac Wens. Jetzt also auch Bill Sienkiewicz, und es dürfte keine Überraschung sein, dass das die abgefahrenste von allen ist (wobei die anderen auch nicht schlecht sind). Die Geschichte ist bekannt: Kapitän Ahab jagt den großen Wal, der ihm vor Jahren ein Bein abgebissen hat. Und wo ist hier der Unterschied zu den anderen Adaptionen?

Mit seiner Fassung von Melvilles Meisterwerk »Moby Dick« beweist der legendäre Comic-Künstler Bill Sienkiewicz seinerseits eine unerreichte Meisterschaft der Neunten Kunst. Scheinbar spielerisch oszilliert er zwischen Karikatur und Realismus, zwischen Montagetechnik und Schraffur und verleiht seiner Reduktion des literarischen Stoffes einen unwiderstehlichen Sog. - Soweit der Verlagstext, dem man inhaltlich rundum zustimmen kann (von dem verschwenderischen Umgang mit Adjektiven einmal abgesehen).

Wobei der mit diversen Preisen geehrte Sienkiewicz kein Comiczeichner im eigentlichen Sinne ist – er ist mehr Illustrator. So gibt es in diesem Album keinerlei Interaktion zwischen den Figuren, weder Sprechblasen, noch Panels. Es gibt einen erzählenden Fließtext, der in kleinen Happen in, über, unter und zwischen die Illustrationen gelegt wird, mit denen der US-Amerikaner die Geschichte bebildert. Diese Illustrationen sind es, die den Reiz dieses Albums ausmachen. Im Grunde könnten die meisten von ihnen für sich alleine stehen. Klasse konzipiert und stark layoutet, und zusammen mit den anderen Adaptionen ein Beispiel dafür, wie unterschiedlich man literarische Vorlagen grafisch interpretieren kann, ohne dass eine schlechter wäre als die andere.

Moby Dick von Bill Sienkiewicz, Herman Melville,

HC, 48 Seiten farbig, Preis 16,00 EUR

Quelle: © Splitter/Herman Melville/PPM/comickunst/stripspeciaalzaak.be