2. Weltkrieg - Zwischen Kollaboration und Widerstand Teil 2 24.07.2016 13:46

2. Weltkrieg - Zwischen Kollaboration und Widerstand Teil 2

Französische Comics über die Zeit der deutschen Besatzung während des Zweiten Weltkriegs versuchen entweder Kinobilder oder den realistischen Alltag nachzuzeichnen.

Hier geht es zum 1.ten Teil, 3.ten Teil, 4.ten Teil!

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„Unter dem Hakenkreuz“

Ein diametral entgegengesetztes Programm verfolgen Philippe Richelle und Jean-Michel Beuriot in ihrer Reihe „Amours Fragiles“ (Zerbrechliche Liebe), die im Deutschen den brachialen Titel Unter dem Hakenkreuz trägt. Für ihre achtteilige Serie über den Alltag um den Zweiten Weltkrieg herum haben sie eine immense dokumentarische Anstrengung unternommen. Ihre deutsch-französische Geschichte behandelt im Auftaktband „Der letzte Frühling“ den Aufstieg des Nationalsozialismus. Daraufhin zeigt „Ein Sommer in Paris“ das Leben deutscher Emigranten in Frankreich vor Kriegsbeginn und „Maria“ den deutschen Widerstand während des Krieges. Der vierte Band „Katharina“ handelt vom anwachsenden Antisemitismus unter dem Vichy-Regime.

In den weiteren geplanten Bänden – der siebte ist zuletzt auf Deutsch erschienen – werden Richelle und Beuriot vom französischen Widerstand, der Kollaboration und dem Holocaust berichten.

Um die Epoche in ihrer Komplexität verstehen zu können, arbeitete Philippe Richelle Archive durch, las die Untersuchungen von Historikern, Biografien und Zeitzeugenberichte. „Das sind die Quellen, aus denen das Szenario entstand. Meine eigene Erfahrung und meine Gespür für menschliche Beziehungen spielten allerdings auch eine Rolle. Fiktionale Werke, ob nun Bücher oder Filme, beeinflussten uns dagegen kaum. Wir finden ganz generell, dass sie Stereotype verbreiten, vorgefertigte Vorstellungen, die nicht unbedingt mit der Realität der Epoche übereinstimmen.“

Auch für seine Serie „Opération Vent Printanier“, in der sich eine Schülerin während der Besatzung mit einem deutschen Soldaten anfreundet, griff Philippe Richelle auf das geheime Tagebuch einer fünfzehnjährigen Schülerin zurück.

So entgegengesetzt das Herangehen an den historischen Stoff zwischen „Es war einmal in Frankreich“ und „Unter dem Hakenkreuz“ ist, so gegensätzlich treten jeweils die Helden auf. Martin Mahner ist ein Abiturient, dessen Persönlichkeit gerade heranreift. Er begreift sich als Schöngeist und will am Leben der intellektuellen Avantgarde teilnehmen. Auch in der Liebe weiß er, was er will: Auf den ersten Blick hat er sich in seine Nachbarin Katharina verliebt. Ungeschickt, wie er ist, bekommt Martin aber erst nach der Machtergreifung Hitlers die Gelegenheit, ihr näherzukommen, indem er sich öffentlich zu der Jüdin bekennt. Im Gegensatz zum auf Spannung angelegten Geschichte von Joseph dient als roter Faden hier die Liebesgeschichte, die sich über Jahre hinweg anbahnt. Martins Gefühlsleben entwickelt sich in einem historischen Ausnahmezustand.

Während die unterkühlte Farbgebung beim „Imperium des Monsieur Joseph“, so der Titel des ersten Bands, ein Gefühl für die unwirtliche Zeit vermitteln soll, orientieren sich die Zeichnungen von Jean-Michel Beuriot daran, sich dem Alltag anzunähern. Da Martin die Lehrjahre des Gefühls durchlebt, verleiht Beuriot diesem Alltag einen dekorativen Reiz, den das Leben aus seiner Perspektive haben muss: ein Leben zwischen schönen Büchern und schönen Frauen. Der Einbruch der Nazis in diese elegante Welt wirkt wie ein permanenter Störfaktor. Sie verkörpern das Gegenteil von Martins Überzeugungen und werden immer präsenter. Die Gewalt, von der jeder in den Radionachrichten hört, kommt erst allmählich auch auf der Straße zum Vorschein. „Die Geschichte wirkt schließlich umso erschreckender, da der Leser heute weiß, was noch alles von den Nazis kommen sollte.“

Martin fügt sich ins Unvermeidliche, um sich den Problemen seines Erwachsenwerdens zuwenden zu können. Seine Geschichte erzählt von der ganz gewöhnlichen Feigheit. Er ist noch nicht so selbstbewusst, dass er gegen die Ereignisse um sich herum laut protestieren würde, deshalb erduldet er sie. Philippe Richelle sieht zwischen dem politischen Widerstand und Martins Liebesgeschichte eine Gemeinsamkeit: «Die Umstände können zu Situationen führen, wo Abwarten nicht mehr möglich ist.» Der fatale Gang des Zeitgeschehens bringt aber Martin und Katharina erst zusammen. Bevor er seine Figuren zeichnete, las Jean-Michel Beuriot Bücher über die Liebe während des Krieges. «Überall lauerte der Tod, also wollten die Menschen sich unbedingt noch ausleben.» Die Gesichter sollten auch bei ihm diesen Lebenshunger ausdrücken.

„Unter dem Hakenkreuz“ Band 1 – 7, Hardcover, Farbe, ca. 56 / 88 / 64 Seiten, Preis je 18,80 / 22,80 /19,80 Euro

Quelle: comic-check/W. Kesler