Unsere Besten Comics des 2.ten Halbjahr 2018 01.02.2019 10:28

Unsere Besten Comics des 2.ten Halbjahr 2018

Der Magnet von Lucas Harari

Sind Steine stumm? Oder verbergen sie ein Geheimnis?

Der junge Architekturstudent Pierre will ihnen auf den Grund gehen. Dabei ist er selbst geheimnisvoll. Warum hat er seine fast fertige Abschlussarbeit vernichtet? Was treibt ihn aus Paris in die Berge, zur Therme des berühmten Schweizer Architekten Peter Zumthor? Was findet er dort? Was macht ihm solche Angst?

Der Magnet ist eine spannende Kriminalgeschichte, angesiedelt in den Bergen des Kantons Graubünden. Mit einem geheimnisvollen Fremden, einem uralten Eigenbrötler, dem niemand glaubt – und mit Pierre, dem immer ernsten Studenten, der ständig auf der Suche ist. Auch Ondine kann ihn kaum aufheitern, seine neue Freundin, ist er doch einer seltsamen Geschichte auf der Spur – er spürt dem Schlund des Berges nach. Ist das nur eine der vielen weitergereichten Berggeschichten oder steckt doch mehr dahinter?

Lucas Harari, 1990 in Paris geboren, erzählt diesen Comic in klaren, grafischen Bildern. Der Zeichner selbst hat sein eigenes Architekturstudium abgebrochen, um Kunstdruck zu studieren. Das kommt seinem Graphic-Novel-Debüt zugute, das er ausschließlich in Blau- und Rottönen erzählt. So entsteht eine Story, die mich in ihren Bann gezogen hat. So wie Pierre angezogen wird, von dem Geheimnis der Therme.

Ein überraschendes Buch, das Stille und Drama genauso vereint wie Landschaft und Architektur.

Kein Buch für eingeschneite Berghütten, aber ein Leseerlebnis nicht nur für Comicsfanatiker, das darauf hoffen lässt, noch weitere Geschichten aus der Hand von Luca Harari zu entdecken.

Katanga Band 1: »Diamanten«

Für alle, denen vor lauter Fantasy- und Science-Fiction-Comics die Augen brennen, denen die Flieger-, Agenten-, Detektiv- und Westerncomics zum Hals raushängen und die gerne mal im Unterhaltungssektor was Frisches lesen würden, gibt es jetzt Katanga.

Dieser Politthriller bietet nicht nur ein exotisches Ambiente, sondern eine richtig gute Story und exzellente Zeichnungen die nicht ultrarealistisch sind, sondern manchmal sogar etwas überzeichnet wirken, aber, hey, genau das macht den Unterschied.

Verantwortlich für diesen historischen Kongo-Kolonial-Reißer um UNO-Bauhelme, fiese Söldner und Diamantenminen zeichnen Fabien Nury (Atar Gull, Tyler Cross) und Sylvain Vallée (Gil St. André).

Diese Titel sind alleine schon eine Empfehlung für uns Leser, aber wenn man weiß, dass beide schon einmal erfolgreich und preisgekrönt zusammengearbeitet haben, dann ist man ja praktisch schon gezwungen sich Katanga anzuschauen.

Von Nury und Vallée stammt übrigens das Meisterwerk Es war einmal in Frankreich. Na jetzt aber - alles klar!

Ein Stern aus schwarzer Baumwolle

Yves Sente und Steve Cuzor - Sie sind eigentlich schon ausreichende Referenzen, dass dieser Band den Weg ins Comicregal findet. Dennoch habe ich irgendwie das Gefühl, dass ich den Band nicht entdeckt hätte, wenn mir ein guter Kunde von diesem Band nicht vorgeschwärmt hätte.

Und das zu Recht, denn Ein Stern aus schwarzer Baumwolle ist ein wirklich grandioser Band. Sente entwirft darin eine spannende und komplexe Geschichte.

Er erzählt vom Kampf um Gleichberechtigung auf zwei zeitlichen Ebenen:

Wir folgen darin in zwei parallel erzählten Handlungssträngen, der schwarzen Hausangestellten Angela Brown im Jahr 1776, unmittelbar vor dem amerikanischen Bürgerkrieg, und dem schwarzen Soldaten Lincoln Bolton während der Befreiung Europas durch die Alliierten im Jahre 1944.

Die Geschichte ist vom Franzosen Steve Cuzor sehr effektiv und stimmungsvoll in Szene gesetzt.

Sente wiederrum bietet hier mit seiner Jagd nach der ersten US-Flagge im Zweiten Weltkrieg, auf der hinter einem der weißen Sterne des Banners symbolträchtig ein schwarzer Stern eingenäht worden sein soll, eine sowohl rasante wie packend erzählte Geschichte, die bisweilen Anflüge einer alternativen Geschichtsschreibung zeigt die aber auch glaubwürdig erzählt wird.

Einmal in die Hand genommen, lässt den Leser die Geschichte um Angela Brown und Lincoln Bolten nicht mehr los.

Das ist für mich einfach die wichtigste deutsche Graphic Novel des Jahres 2018, die leider im allgemeinen Trubel etwas unterging.

Lincoln, Band 1: »Auf Teufel komm raus«

Die ersten Worte unseres Helden Lincoln nach der unglückseligen Geburt in einem Bordell: »Kacke!«, »Scheiße!«, »Verfickt und zugenäht!«.

Sein Leben verbringt er – stets maximal schlecht gelaunt – mit:

Brandstiftung, verbaler und körperlicher Gewalt gegen Mönche und Bettler; er fischt mit Dynamit, zockt, säuft, vögelt, kotzt, überfällt Züge, Banken, Drogerien, Waffenläden, Kutschen und klatscht dem lieben Gott einen toten Fisch ins Gesicht.

Endlich die perfekte Identifikationsfigur für …mich??!!

Der Umfall

Der deutsche Zeichner Mikael Ross hat zwei Jahre in einer Betreuungseinrichtung geistig Behinderte in Neuerkerode recherchiert und eine ungeheuer einfühlsame wie lebensnahe Graphic Novel geschaffen, die uns Lesern die Welt aus einer ganz ungewohnten Perspektive nahebringt:

Noel ist ein geistig behinderter Teenager und wird von seiner Mutter betreut. Eines Tages erleidet sie einen Schlaganfall und Noel muss in eine Betreuungseinrichtung aufs Land ziehen. Mit der neuen Umgebung muss er sich erst anfreunden, ebenfalls mit deren Bewohnern und den Leuten im Dorf. Täglich lauern neue Erfahrungen, neue Begriffe, denen unerhörte Bedeutungen zugeordnet werden - »Umfall«, »Kooma«, »Aal-Ektrik«sowie das erste Verliebt sein in eine »Prinzessin«…

Das ist überhaupt das Allergrößte ...

Ja Mikael Ross versteht es, mit seiner Hauptfigur Noel zu berühren, ohne dabei sentimental zu werden.

Die Graphic Novel ist wunderbar leicht erzählt und von einem erfrischenden, direkten Humor, der sich der Thematik und den behinderten Charakteren angemessen nähert und auch über den Ort Neuerkerode selbst, wo Inklusion so selbstverständlich gelebt wird, erzählt dieser farbenfrohe, ungezügelte, warmherzige, aber nie kitschige Comic.

Ich muss sagen ein wahres Juwel!

Pirouetten von Tillie Walden

Die blutjunge Tillie Walden ist meine persönliche Überraschung.

Auch dieser Comic überraschte wieder, weil ich mir nie hätte vorstellen können, dass ein Thema wie Eiskunstlauf mir so gefallen würde.

Na ja Tillie Walden erzählt auch nicht wirklich von Schlittschuhen, sondern vom wirklichen Leben. Und das mit leicht entrückten, minimalistischen Bildern, die aber dennoch vor Emotionen nur so strotzen und in einem Stil, der selbst Hemmingway stolz gemacht hätte...

Zu guter Letzt:

Eine Schwester von Bastien Vivès

Eine Schwester ist eine Coming-of-Age-Geschichte, die so unbeschwert und dennoch atmosphärisch dicht erzählt wird, wie es nur unsere Franzosen können.

Dabei ist es egal, ob es sich um einen Film oder einen Comic handelt.

Dieser kleine, aber feine Comicroman von Bastien Vivès um den 13-jährigen Antoine, der im Sommerurlaub durch Hélène (16) die Sexualität entdeckt, ruft förmlich danach ihn auf die Kinoleinwand zu bringen.

Bleibt nur noch die Frage, wann es denn so weit ist und wie man dann mit den expliziten Szenen umgehen wird: immerhin sind die Protagonisten Kinder.

Aber bis es halt so weit ist, lest einfach erstmal den Comic! Denn das ist Lesegenuss vom Feinsten.

Natürlich gab es noch weitere tolle Bücher, die wir nicht alle hier aufgelistet haben.

Wie z.B. gibt es gerade einen Neuauflage des Kult-Mangas 20th Century Boys.

Es gab visuelle Higlights wie Monstress, grafische Leckerbissen und Geheimtipps wie Mord für Mord oder das riesige Moebius-Opus von Splitter.

Dann gibt es auch ganz sensationelle Disney-Hommages von französischen/europäischen Zeichnern.

Dazu Reprints von Klassikern wie Alexander Nikopol, und vieles mehr...

Als Mini-Trend kann man die Neueditionen von Mangaklassikern (Perfect Editions, Master Editions) bezeichnen, hier werden gerade wichtige Titel wieder verfügbar gemacht.

Dazu kamen viele Serienstarts und Fortsetzungen.

Insgesamt kann man 2018 mal wieder als ein sehr gutes Comicjahr bezeichnen.

Quelle: diverse verlage