Spirou & Fantasio

Spirou wurde am 21. April.1938 als Comicfigur zum Leben erweckt. Er hat keinen eindeutigen Schöpfer - und passte sich dadurch mehrmals dem Zeitgeist an. Der Verleger Jean Dupuis hatte schon den Namen im Kopf, ?Spirou? (was im Wallonischen ?Eichhörnchen? wie auch ?Lausbub? bedeutet), als er Robert Velter alias ?Rob-Vel? mit der Kreation einer Figur beauftragte, zu der der Name passte. Dieser ?Rob-Vel? hat seine eigenen Erfahrungen als Schiffspage auf Ozeandampfern für die Streiche eines Schiffsjungen im ?Journal de Toto? verarbeitet. Diese Figur wandelte er für seinen Spirou etwas ab, steckte sie in die rote Uniform eines Hotelpagen, der im Brüsseler ?Hotel Moustic? arbeitet. Fortan wurde ein einseitiger Strip um den schelmischen Pagen Spirou und dessen Konflikte mit dem Portier Entresol auf jeder Titelseite des großformatigen Magazins Spirou abgedruckt. Aus den One-Pagern wurden bald lange Fortsetzungsgeschichten und aus Spirou wurde ein positiver Held, der anderen Menschen und Tieren stets unter Einsatz seines Lebens aus der Patsche hilft, ein polyglotter Abenteurer mit detektivischer Begabung, der er bis heute blieb. Im Juni 1939 in dem Abenteuer ?Die mysteriöse Insel? begegnet ihm das Eichhörnchen Pips, das in einem Hamsterrad gefangen gehalten wird. Natürlich wird es von Spirou befreit - und ist seitdem in all seinen Abenteuern präsent als treuer Begleiter, der gerne ?vernünftige? Kommentare zum laufenden Geschehen abgibt. Als Rob-Vel 1943 die Rechte endgültig an Dupuis abgab führte der Allround-Zeichner Jijé (Joseph Gillain, der auch die Westernreihe ?Jerry Spring? erfand), der sowohl realistische wie auch Funny-Comics zeichnen konnte, die Srie weiter. Jijé erfand Spirous chaotischen Freund Fantasio dazu, der sich bald als Reporter verdingte und damit immer wieder Anlass für Abenteuer bot. Das war die Geburtsstunde von ?Spirou & Fantasio?. Nach dem Krieg (um 1946/47) wurde der junge Zeichner André Franquin mit der Serie beauftragt. Dieser entwickelte innerhalb der Serie ?Spirou & Fantasio? seinen eigenen, unverwechselbaren Zeichenstrich, der die Serie fortan bestimmen sollte und zahlreiche andere Künstler beeinflusste. Er erfand den Rest des klassischen Figurenensembles dazu ? u.a. die Bösewichter Zyklotrop und Zantafio, den schrulligen Wissenschaftler Graf von Rummelsdorf und vor allem das liebenswerte Marsupilami, ? ein erfundenes, gelbschwarzes Beuteltier aus dem Dschungel Palumbiens mit einem acht Meter langen, vielseitig einsetzbaren Schwanz und dem charakteristischen Ruf ?Huba, huba?. ?Spirou & Fantasio? entwickelte sich zu einer enorm erfolgreichen, fantasievollen Abenteuerserie. Verrückte Erfindungen, autoritäre Regimes oder skrupellose Verbrecher wie aus James Bond-Filmen prägen die Handlungen. Immer wieder gelingen Franquin satirische Gesellschaftsporträts - etwa in ?QRN ruft Bretzelburg? (1961-63) werden die Auswüchse der Mangelwirtschaft des Ostblocks süffig ausgemalt, wenn Busse mit Pedalkraft der Fahrgäste betrieben werden müssen oder die Kleidung der Menschen aus Zeitungspapier besteht. 1968 war Franquin dem Arbeitsdruck im Hause Dupuis nicht mehr gewachsen (neben Spirou & Fantasio arbeitete er auch an der Serie ?Gaston?) und stieg aus, behielt aber die Rechte am Marsupilami, das damit nicht mehr in Spirous & Fantasios Abenteuern auftauchen durfte (erst im März dieses Jahres wurde das Marsupilami vom Dupuis Verlag zurückgekauft und wäre somit auch für Spirou & Fantasio Abenteuer wieder ?verfügbar?). Jean-Claude Fournier übernahm dann die Serie. In den 80ern und 90ern prägte das Autoren-/Zeichnerteam Tome & Janry die Serie und führte sie mit einer Mischung aus Action und derbem Humor zu neuem Erfolg. Des anschließenden Team (Morvan & Munuera) machte aus Spirou einen ernsteren, realistisch gezeichneten Helden und versuchte ihn gar stilistisch der gerade stattfindenden ?Manga-Invasion? anzupassen. Der Verlag verwarf diese Versuche, Spirou zeitgemäß zu machen, schnell wieder und gab daraufhin (ab 2005) vielen neuen Talenten in ?One-Shots? Gelegenheit, Spirou & Fantasio -Geschichten in ihrem Stil zu erzählen, die aber den Geist des Originals bewahren sollten. In dieser Reihe spürt man vielfach die Liebe der neuen Zeichnergeneration zum Klassiker und es entstanden einige herausragende Abenteuer mit Retro-Charme: ?Spirou - Porträt eines Knaben als junger Tor? von Émile Bravo und ?Operation Fledermaus? von Yann und Schwartz erzählen beide die Jugendabenteuer Spirous aus der Zeit des 2. Weltkriegs neu, mit ernsthaften Bezügen zur Zeitgeschichte und vielen Anspielungen auf klassische belgische Comics. Und auch das aktuelle Team, das die klassische Reihe übernommen hat, Yoann Chivard (Zeichnungen) & Fabien Vehlmann (Text) kann man als guten Griff des Verlags bezeichnen. Im aktuellen Band 51 der regulären Reihe Spirou & Fantasio ist Spirou in der Gegenwart angekommen. Neben der Präsenz der unvermeidlichen Mobiltelefone greift der Raubtierkapitalismus in Form eines Investmentfonds namens ?Viper? in die Handlung ein. Zeichner Yoann modernisiert dezent den Stil Franquins, bietet feinen Humor und zeigt wie sein Vorbild viel Liebe zum Detail. Heute wird im Hause Dupuis die Marke Spirou & Fantasio weiter ausgebaut denn der rote Anzug des Pagen wird noch lange halten müssen. Quelle: tagesspiegel/comics/Ralph Trommer
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