Posy Simmonds Cassandra Darke 18.11.2019 10:29

Posy Simmonds Cassandra Darke

Posy Simmonds ist eine vielbeschäftigte und mehrfach ausgezeichnete britische Comiczeichnerin. Sie zeichnet bereits seit Jahrzehnten Comics, Cartoons und Illustrationen für den Guardian.

In England wird Simmonds längst gefeiert. Hierzulande kannte man sie bislang lediglich als Kinderbuchautorin. Neben diversen Stripsammlungen und Kinderbüchern besteht ihr „Hauptwerk“ aus zwei längeren Comics, die gewisse Ähnlichkeiten aufweisen und auch beide verfilmt wurden.

Erstaunlicherweise beide mit Gemma Arterton (Hänsel & Gretel) in der Titelrolle.

Die 2010 erfolgte Veröffentlichung ihrer zweiten langen und ersten ins Deutsche übersetzen Comicerzählung „Tamara Drewe“ bei Reprodukt schloss fürs Erste eine hiesige Editionslücke und später dann folgte auch noch „Gemma Bovery“ bei Reprodukt.

Baute „Tamara Drewe“ auf Thomas Hardys „Far from the Madding Crowd“ auf, bezieht sich „Gemma Bovery“, der Titel deutet es schon an, auf „Madame Bovary“, den Debütroman von Gustave Flaubert.

Während „Tamara Drewe“ in England spielte und von Stephen Frears auf die Leinwand gebracht wurde, ist die Figur „Gemma Bowery“ zwar eine Britin, die aber mit ihrem Mann in die Normandie zieht, in die Nähe von Rouen (dort spielt auch der Flaubert-Roman).

Und während die Comic-Vorlage teilweise verwirrend wirkt, weil eine britische Autorin aus der Sicht eines französischen Erzählers (dessen Englisch nicht zu seinen Stärken gehört) über eine britische Titelfigur berichtet, wird dieses Detail dadurch, dass die Verfilmung in Frankreich realisiert wurde von Regisseurin Anne Fontaine, quasi „normalisiert“.

Posy Simmonds karikiert die Mittelschicht gern (auch graphisch), ebenso die Emporkömmlinge und Neureichen, und arbeitet bevorzugt mit einer eher unspektakulären leisen Ironie. Formal sind ihre Werk sehr ungewöhnlich. Da ist zuerst der karikatureske Strich, er verleiht den Figuren eine differenzierte Tiefgründigkeit, die die Paradoxie ihrer Gefühlswelten vermittelt und ihnen selbst in den würdelosesten Momenten noch als ein identitäres Gerüst dient. Das wird auch durch das multiperspektivische Erzählen und die ungewöhnliche Wort/Bild-Fusion errichtet: Panelreihen und Prosatexte befinden sich im ständigen Wechsel. Die Interaktionen der Figuren innerhalb der Bilder werden regelmäßig begleitet von ihren Selbstbeschreibungen und Erzählpassagen in Textform.

Nun folgt mit „Cassandra Darke“ endlich Posy Simmonds lang erwarteter dritter längerer Comics bei Reprodukt.

Cassandra Darke das ist eine gestandene Londoner Galeristin, stinkreich und ziemlich schlecht gelaunt. Weil die ganze Innenstadt verstopft ist von Menschen, die Weihnachtsgeschenke kaufen wollen. Weil sie Weihnachten hasst. Und weil sie die Witwe eines großen Künstlers auf der Straße sieht, die sie als naives Schaf bezeichnet, das klotzige Keramiken produziert. Was man bis dahin noch nicht weiß: Cassandra Darke hat Skulpturen des verstorbenen Künstlers gefälscht und für viel Geld verkauft.

Cassandra Darke: „Normalerweise hätte ich im The Wolseley bei Egg Benedict und Frucht-Scones abgewartet. Aber ich brauchte frische Luft. Ich rief meinen Fahrer an, dass ich mich allein auf den Heimweg machen würde und ließ mich stundenlang durch die Horde verblödeter Weihnachtsshopper treiben.“

Immer wieder fügt Posy Simmonds Fließtext in den Comic ein. Das ist typisch für ihre Arbeit und lässt den fiesen Gedanken von Cassandra Darke so freien Lauf, dass sie eine ganz eigene Komik entwickeln. Typisch für Posy Simonds ist auch, dass sie sich für ihre Comics von Literaturklassikern inspirieren lässt. Sollte Casandra Darke etwa eine zeitgenössische Version des misanthropischen Weihnachtshassers und Geizkragen Ebenezer Scrooge aus Charles Dickens „Christmals Caroll“ sein? Was da nicht so ganz reinpasst, ist die Zeitungsnotiz am Beginn des Comics: Eine Frauenleiche wurde im Wald gefunden. Und dann entdeckt Cassandra Darke auch noch eine Pistole im Wäschekorb ihrer Nichte Nicki. Die ist – wie überhaupt der ganze Comic – so realistisch gezeichnet, dass man glaubt, die Pistole in die Hand nehmen zu können und darüber erschrickt. Das, was als Gesellschaftskomödie anfing, nimmt plötzlich als Krimi an Fahrt auf.

Das sind ziemlich viele Handlungsstränge, die Posy Simmonds sich da vornimmt. Zum Glück ist sie eine Meisterin ihres Fachs, der es gerade dadurch gelingt, ein vielschichtiges Bild von der britischen Gesellschaft zu zeichnen. Die Krimi-Elemente bringen zunächst Nicki und dann auch Cassandra Darke in Kontakt mit Menschen aus den unteren Gesellschaftsschichten. Hier scheinen die Guten etwas leichter von den Bösen unterscheidbar zu sein. Die Straftaten der Unterschicht sind eher roh, während die Oberschicht mit süßester Miene sogar Freunde über das Ohr haut.

Bis zum Showdown am Schluss behält der Comic seinen wunderbar trockenen Humor in Wort und Bild.

Das harte Herz der Cassandra Darke aber wird am Ende doch noch weich – ganz ähnlich wie das von Ebenezer Scrooge.

Cassandra Darke von Posy Simmonds,

HC, 96 Seiten farbig, Preis 24,00 EUR

Quelle: youtube/ comic.de/ppm