Der Dschungel 06.04.2018 10:28

Der Dschungel

Kristina Gehrmanns Begeisterung für historische Stoffe und ihre Zeichenfertigkeit brachten ihr schon für ihre erste Graphic Novel „Im Eisland“, die von der Franklin-Expedition handelt, den Deutschen Jugendliteraturpreis ein. Nun hat sie Upton Sinclairs Roman „Der Dschungel“ adaptiert.

Hoffnungsvoll kommt Ende des 19. Jahrhunderts eine litauische Auswandererfamilie in Amerika, dem Land ihrer Träume, an. Sie finden Arbeit in den Schlachthöfen von Chicago, aber nichts wird gut: Die hygienischen Zustände sind unbeschreiblich, Korruption scheint ein Naturgesetz zu sein, die Arbeitsbedingungen führen zum frühen Tod Erwachsener und Kinderarbeit wird für die Familie überlebensnotwendig.

Das Buch zeigt deutlich wie unsere Industriegesellschaft aussah, bevor es Errungenschaften wie Krankenkassen, Schulpflicht, Renten u.ä. gab. Und es erinnert durchaus an die aktuellen Zustände in Niedriglohnländern.

Gehrmann erzählt die – im Original doch sehr komplexe – Geschichte geradlinig und zielstrebig über fast 400 Seiten, ohne sich in Nebenkriegsschauplätze zu verirren. Das Elend und die Unmöglichkeit, im Rahmen der bestehenden Strukturen etwas zu ändern, wird sehr klar. Wie bereits in Eisland zeichnet sie mit nüchternem, präzisem Strich. Das haut grafisch nicht vom Hocker, aber Mimik und Gesichter ihrer Protagonisten fängt sie prima ein.

Von den in Sinclairs Roman geschilderten Lebensbedingungen sind wir nicht weit entfernt.

Man muss sich nur die – im Grunde rechtlosen – Migranten ansehen, die in spanischen Gewächshäusern für einen Hungerlohn schuften. Und auch in Deutschland arbeitet inzwischen fast jeder Vierte wieder in prekären Verhältnissen. Schon heftig, dass man die soziale Realität des Jahres 2018 aus einem Roman des Jahres 1899 herauslesen kann. Es scheint, als würden wir uns wieder genau da hin bewegen.

Sinclairs Dschungel hat damit leider nichts von seiner Aktualität verloren.

Der Dschungel von Kristina Gehrmann, Upton Sinclair, HC, 384 Seiten s/w, Preis 28,00 EUR

Quelle: comickunst