Airborne 44 28.07.2016 11:47

Airborne 44

Philippe Jarbinet, ist vielleicht durch seine bisherigen Comics Veröffentlichungen wie Sam Bracken und Die Asche der Katharer nur einem kleinen Kreis von Comics Lesern aufgefallen, liefert mit der Serie "Airborne 44" sein eigenes Meisterwerk ab. Hier ist Philippe Jarbinet Autor und Zeichner zugleich und eins sei vorweg schon gesagt "Airborne 44" ist eine echte Perle.

Philippe Jarbinet Zeichenstil und die Thematik bei "Airborne 44" erinnern einen etwas an Gibrats "Der Aufschub" und "Von Dieben und Denunzianten", aber Jarbinet Aquarellstil ist dabei stärker auf Kontraste wie Licht und Schatten angelegt als bei Gibrats Serien. Philippe Jarbinet ist, wie Gibrat auch, Autor und Zeichner zugleich. In Airborne 44 wird im Gegensatz zu Gibrats Serien aber das Gefühl der Bedrohung auf allen Kriegsseiten spürbarer. Dem Sallek Verlag von Eckart Schott ist es wie schon mit Gibrat erneut das Kunststück gelungen, ein wahres Comics Juwel auszugraben. Im Vorwort der Geschichte heißt es, dass insbesondere auf die authentische Darstellung und die unfehlbare Detailgenauigkeit der Fahrzeuge, Uniformen etc. bis hin zu den Knöpfen Wert gelegt wurde. Dafür verantwortlich war der als Berater hinzugezogene Historiker Philippe Gelain, er bestand nach eigenem Bekunden auf äußerster Genauigkeit: „Kein Abzeichen, keine Uniform, kein Fahrzeug, ja sogar keinen Knopf habe ich ihm erspart!“ Was sich dann auch letztlich in einer zweijährigen Entstehungszeit für Jarbinets einfühlsame Story niederschlug und sich allemal gelohnt hatte, da Jarbinet selbst weit davon entfernt war, einfach nur die simple Wiedergabe eines Schlachtenpanorama zu zeichnen und damit nur die Grausamkeiten des 2.Weltkrieges zu zeigen.

Nein, ihm ist es gelungen seine Protagonisten, so wie man es in der Literatur halt macht, vor der großen Kulisse des 2. Weltkrieges, ihr ganz eigenes, höchst persönliches Drama um Glück, Schuld, Sühne und Tod zu erleben. Ein Drama, das bezaubernd schön daher kommt, eine Geschichte, die sich trotzdem dem Augenblick hin gibt und man selbst an die schönen Momente glauben will ohne sich daran erinnern zu wollen, was sich in der wirklichen Welt abspielt. Dabei mag das ein oder andere zwar etwas überhöht sein, aber zu damaliger Zeit Gültigkeit haben.

"Airborne 44" ist oberflächlich gesehen ein Kriegsdrama, das ein halbes Jahr vor Ende des 2. Weltkrieges spielt. Die Amerikaner stehen tief in Westeuropa, die deutschen Soldaten - mit Ausnahme der sogenannten Eliteeinheiten - glauben schon lange nicht mehr an den Sieg, statt der Erwachsenen kämpfen jetzt auch Kinder an der Front…

Kurz vor Weihnachten 1944 trifft in Honsfeld, heute Belgien, unterschiedliche Charaktere aufeinander. Gabrielle Osterlin hatte Musik am Konservatorium in Paris studiert, bevor sie zurück zum elterlichen Hof kam, um ihre Mutter zu unterstützen, als ihr Vater, ihr Bruder und dessen Freund Egon in den Krieg ziehen mussten.

Weil er bei der guten Sache dabei sein möchte, hat sich der deutschstämmige Luther freiwillig zur US Armee gemeldet, gleichzeitig macht er dabei aber sehr genaue Unterschiede: „Ich kämpfe nicht gegen ‚Die Deutschen’ generell, sondern gegen Nazideutschland…das sind zwei Paar Schuhe. Wissen Sie, das alte Deutschland ist nicht das von Hitler und seiner Clique von bornierten Ariern. Nein, dieses Deutschland ist das von Dürer, von Beethoven… von Goethe, Schiller… Nietzsche, Hermann Hesse, Otto Dix…

Casimir, Luther und Dave, drei amerikanische Soldaten mit zum Teil deutschen Wurzeln, befinden sich hinter den deutschen Linien, als sie die jüdischen Kinder Rachel und Louis vor dem sicheren Tod durch Erfrieren auflesen und auf ihrem Weg an Gabrielles Hof vorbeikommen. Gabrielle, die sich nun auf dem Hof alleine durchschlägt, seit Mann und Vater von der Wehrmacht zwangsverpflichtet wurde. Dicht auf den Fersen folgen die versprengten Deutschen der Waffen-SS, die einen Fahnenflüchtigen suchen, den das Schicksal und seine Wurzeln ebenfalls unweigerlich zu Gabrielle führen. Für kurze Zeit scheint der Krieg in Vergessenheit geraten zu können, die gemeinsamen Weihnachtstage vermitteln eine trügerische Ruhe, in der die Hintergründe der kleinen Gemeinschaft näher beleuchtet werden. Aber der Friede ist nur von kurzer Dauer, denn deutsche Feldgendarme und Männer der Waffen-SS die auf der Suche nach dem desertierten Egon Kellermann sind, landen auch auf dem Hof der Osterlins…

Der zweite Band von Airborne 44 (“Für uns gibt es kein Morgen…”) setzt nahtlos dort ein, wo Band 1, „Da, wo die Männer fallen…“ endet. Hinter den deutschen Linien gefangen, verbergen sich Luther Jepsen und seine GIs mit zwei jüdischen Kindern auf dem Hof der hübschen Gabrielle. Neben der allgegenwärtigen Gefahr der Entdeckung durch die SS verschärft sich die Lage, als der fahnenflüchtige Kellermann nach vier Jahren unerwartet zu Gabrielle zurückkehrt, die ihn mehr aus Mitleid geheiratet hatte, bevor er als „malgré nous“ zwangsrekrutiert hatte. Unter Lebensgefahr ist es Kellermann gelungen, die Greueltaten der marodierenden Deutschen und die beginnende Judenvernichtung auf den Ostfeldzügen heimlich zu fotografieren…

Die privaten Geschicke die Band 1 noch so dominieren und sich vor der Kulisse des Krieges ereigneten, verweben sich zusehends in den geschichtlichen Hintergrund – denn in zwei Epilogen, einmal von 1946 und dann von 1962, verschmilzt Jarbinet die Geschichte und das Privatgeschehen der Personen weiter und zeigt uns somit die Konstanz menschlicher Konflikte, Verletzungen, aber auch Hoffnungen im wechselnden Lauf des Weltgeschehens. Längst sind Amerikaner und Deutsche Verbündete, längst drohen andere Kriege, wie1962 in Form der Kuba-Krise…

Jarbinet setzt die Widmung in diesem zweiten Band an zahlreiche namentlich genannte GIs, die 1944 bei der Befreiung des Heimatdorfes von Jarbinet fielen.

Band 3 spielt in Vierville, in der Normandie, im Jahre 1938: Der junge Gavin verbringt den Familienurlaub in der Heimat seiner Mutter und verliebt sich unsterblich in die Französin Joanne. Sechs Jahre später kehrt er als Soldat an die früher so friedliche, idyllische Küste zurück.

Im Sperrfeuer der deutschen Atlantikwallverteidiger geht es nur ums nackte Überleben, aber auch darum, Joanne wiederzufinden ... Im zweiten Zyklus der Serie stellt Philippe Jarbinet eindrucksvoll den Kontrast der friedlichen Idylle 1938 und des Grauens am D-Day 1944 an der Küste der Normandie dar.

Band 4 - der Krieg geht für Gavin und seine Kameraden weiter. Viele seiner Kameraden sterben oder werden verwundet. Wird er überleben? Und ist Joanne wirklich tot? Philippe Jarbinet spannt den Bogen seiner packenden Geschichte bis in die heutige Zeit und bezieht Figuren aus den Alben 1 und 2 mit ein.

Es ist ein Satz den einer der Protagonisten vor dem Grab eines Kameraden denkt, der einen erschüttert, bewegt und nicht mehr loslassen will - „Siehst Du, alter Freund, das Leben ist weitergegangen… Ich bin jetzt 40 Jahre alt. Du wirst für immer 22 sein…warum bist du gefallen? Warum bin ich am Leben?“

Airborne 44 Band 5 - Wenn man überleben muss: Zwei Brüder werden im Amerika der Großen Depression getrennt. Sebastian bleibt in den USA, Stefan geht mit seinen Eltern nach Deutschland zurück. Werden sie in der Ardennen-Offensive aufeinandertreffen? Tessa überführt US-Flugzeuge an die Front, als sie von deutschen Jägern angegriffen wird. Wird sie überleben? Der 5.te Band der Serie erscheint voraussichtlich im September 2016.

Airborne 44: Band 1 - 5 von Philippe Jarbinet, HC, 48 - 56 Seiten in Farbe, Preis je 12,90 Euro

Solltet Ihr jetzt gefallen an AIRBORNE 44 gefunden haben, so schaut Euch auch die News unter dem Titel: "2. Weltkrieg - Zwischen Kollaboration und Widerstand" an, denn auch die möchte ich Euch empfehlen, da es sich lohnt sie zu entdecken.

Quellen: youtube/ppm/salleck