2. Weltkrieg - Zwischen Kollaboration und Widerstand Teil 4 30.07.2016 15:31

2. Weltkrieg - Zwischen Kollaboration und Widerstand Teil 4

Französische Comics über die Zeit der deutschen Besatzung während des Zweiten Weltkriegs versuchen entweder Kinobilder oder den realistischen Alltag nachzuzeichnen.

Hier geht es zum 1.ten Teil, 2.ten Teil, 3.ten Teil!

Aber auch die Serie "Airborne 44" möchte ich Euch empfehlen, da es sich um eine wahre Perle handelt und es sich lohnt sie zu entdecken.

„ Cherchez la femme “

Jean-Pierre Gibrats Reihen „Der Aufschub“ und „Von Dieben und Denunzianten“ verbinden die Frage „Wie hätte ich mich in dieser Situation verhalten?“ eng mit der Liebesgeschichte. Die beiden Geschichten können einzeln gelesen werden, obwohl sie einander wie ein Diptychon ergänzen. Der Aufschub wird Julien gewährt, als er mit falschen Papieren ausgestattet von einem Zug nach Deutschland springt, der danach entgleist. Da die Polizei in dem Zug seine richtigen Papiere findet, gilt er fortan als tot. Er versteckt sich im Sommer 1943 in seinem Heimatdorf, um der Zwangsarbeit in Deutschland zu entgehen. Aus der verlassenen Wohnung des internierten Lehrers heraus beobachtet er das Leben auf dem Marktplatz und besonders seine Jugendliebe Cécile. „Der Aufschub“ ist in einer Tagebuchform, nicht als Kriegsgeschichte geschrieben. Das Dorf ist kein Kriegsschauplatz, aber die Spannungen zwischen der Miliz und der Résistance nehmen zu.

Céciles Schwester Jeanne in „Von Dieben und Denunzianten“ weckt das Gewissen in dem Berufsdieb François. Beide treffen sich in einem Pariser Gefängnis und können sich zuerst nicht ausstehen. Sie verachtet seinen Opportunismus, sie nervt ihn mit ihrer Hochnäsigkeit. Schließlich finden sie doch noch zueinander, weil er ihr gegenüber Verantwortung entwickelt, die er zuvor mied. Die Frau berichtet in Briefen an ihre Schwester über ihr Gefühlsleben. „Von Dieben und Denunzianten“ gewann 2006 in Angoulême den Preis für die besten Zeichnungen.

Die Gesichter bilden das visuelle Zentrum der Geschichten. Gibrat legt einen Lichteffekt auf die Züge seiner beiden Schönheiten, so dass die Bilder nicht selten weichzeichnerisch wirken. Schon in seinen Alben „Pinocchia“ und „Marée basse“ (dt. Verwandlungen) bewies Gibrat einen Hang zur Freizügigkeit, der auch hier in ziemlich schwülen Erotikszenen durchschimmert. Das Gesicht der kommunistischen Widerstandskämpferin Jeanne ist auf etlichen Seiten strahlend in der Mitte platziert. Im Kontrast zum weiblichen Ebenmaß sind die Gesichter der anderen Figuren im Dienst des humorigen Szenarios oft karikaturistisch überzeichnet. Der Humor entwickelt sich aus der Situation, in der sich die männlichen Helden befinden: Sie warten das Ende der Besatzung ab und arrangieren sich derweil mit den Verhältnissen. Umso grösser trifft den Leser der Schock, wenn die Gewalt des Krieges einmal sichtbar in den Alltag einbricht.

Mit „Unter dem Hakenkreuz“ und „Malgré-nous“ haben die Reihen von Gibrat gemeinsam, dass die Bilder einen realistischen Eindruck von der Zeit vermitteln sollen. Gibrat griff vor allem auf Fotos zurück, um die damalige Atmosphäre einzufangen, womit er auch die dauernde Präsenz von Brauntönen erklärt. Trotzdem ist er es, der das weiteste Spektrum an Farben verwendete, warum die Bilder trotz der überhöhten Schönheit seiner Heldinnen und dem pittoresk verklärten Bild Frankreichs am zeitgetreusten erscheinen. Wie Richelle und Beuriot wollte Gibrat es vermeiden, filmische Klischees zu reproduzieren. Dennoch weisen seine Bände zusammen mit „Es war einmal in Frankreich“ die größten unterhaltenden Qualitäten auf. Richelle und Gloris ordnen sie ihren historisierenden Szenarien unter. Letztendlich sorgt aber Julien (nicht Cécile oder Jeanne) für das schönste Bild für die Zeit zwischen Kollaboration und Widerstand: das eigentliche Leben steht im Wartestand.

Der Aufschub“ (Gesamtausgabe), Hardcover, Farbe, ca. 104 Seiten, Preis: 29,00 Euro

„Von Dieben und Denunzianten“ (Gesamtausgabe), Hardcover, Farbe, ca. 288 Seiten, Preis: 29,80 Euro

„Jeanne und Cécile“ Bildband, Hardcover, Farbe, ca. 120 Seiten, Preis: 49,00 Euro

Auf 120 Seiten bietet dieser opulente Bildband eine Auswahl von Zeichnungen und Illustrationen, die Jean-Pierre Gibrat exklusiv für Ex-Libri, Poster und Comicfestivalplakate geschaffen hat. Jede Menge wunderschöner Bilder von Cécile (aus „Der Aufschub") sowie von Jeanne (aus „Von Dieben und Denunzianten").

Mattéo ist ein junger Spanier, der mit seiner Mutter in Südfrankreich lebt und arbeitet. Als der 1. Weltkrieg ausbricht, wird er als spanischer Staatsbürger nicht eingezogen. Doch seine Liebe zu Juliette bringt ihn dazu sich freiwillig zu melden. Nach dem Krieg lebt Mattéo als Anarchist in Spanien, und kehrt nur sporadisch nach Frankreich zurück, auch, weil er von Juliette nicht loskommt. Es verschlägt es ihn nach St. Petersburg in die Wirren der Russischen Revolution, wo er die bezaubernde Lea kennenlernt, die hat aber noch andere Liebhaber. Jean-Pierre Gibrat gelingt es auch mit seiner Serie Mattéo ein spannendes und detailreiches Bild einer Welt im Umbruch zu vermitteln. Im Sommer 1936 verbringen Mattéo, der nach seiner Gefängnisstrafe in Paris als Steinmetz arbeitet, und seine Freunde Amélie, Augustin und Paulin ihre zwei Wochen Urlaub in Collioure bei Mattéos Mutter und in der Nähe von Juliette. Doch die spanische Grenze und mit ihr der Spanische Bürgerkrieg sind nicht weit...

Jean-Pierre Gibrat gelingt es in prächtigen Bildern die politische Situation von 1936 aufleben zu lassen: Die Freude der Arbeitnehmer über den ersten bezahlten Urlaub in der französischen Geschichte, den Ärger der Reichen über den Einfall der Urlauber in ihre Ruhe, den Kampf zwischen den Anhängern der Volksfront und den Radikalen, und den Spanischen Bürgerkrieg, der diesen Urlaubsfrieden bedroht.

„Mattéo“ Band 1 – 3, Hardcover, Farbe, ca. 64/80 Seiten, Preis: je 15,00/19,80 Euro

Quelle: comic-check/W. Kesler