2. Weltkrieg - Zwischen Kollaboration und Widerstand Teil 1 22.07.2016 17:45

2. Weltkrieg - Zwischen Kollaboration und Widerstand Teil 1

Französische Comics über die Zeit der deutschen Besatzung während des Zweiten Weltkriegs versuchen entweder Kinobilder oder den realistischen Alltag nachzuzeichnen.

Hier geht es zum 2.ten Teil, 3.ten Teil, 4.ten Teil!

Aber auch die Serie "Airborne 44" möchte ich Euch empfehlen, da es sich um eine wahre Perle handelt und es sich lohnt sie zu entdecken.

„ Es war einmal in Frankreich “

Der aus Rumänien emigrierte Jude Joseph Joanovici handelt im Frankreich der Zwanzigerjahre mit Schrott. Bei ihrer Ankunft waren er und seine Frau völlig mittellos gewesen, während der deutschen Besatzung soll er zu einem der reichsten Männer Frankreichs werden. Sein außergewöhnlicher Charakter macht ihn zum «König von Paris». Nur ein Richter verfolgt seine Spur über Jahrzehnte hinweg.

Joseph Joanovici (1905–1965) hieß der Mann, dessen zwiespältiges Leben Fabien Nury und Sylvain Vallée jetzt zu einer großartigen Comicsaga verarbeiten.

Die beiden Franzosen haben ihre biografische Spurensuche auf sechs Bände angelegt. Mit dem Titel der sechsteiligen Serie «Es war einmal in Frankreich» (Zack) stellen Fabien Nury und Sylvain Vallée einen direkten Bezug zu Sergio Leones monumentalem Film «Es war einmal in Amerika» her. Darin arbeiten sich Robert De Niro und James Woods als Gangster im New York der Zwanzigerjahre hoch. Man kann in dem Comic ebenso einige Anklänge an «Der Pate II» entdecken: Die zahlreichen Rückblenden und Parallelmontagen stellen Szenen aus dem Leben eines mittellosen Immigranten gegeneinander, der aus dem Nichts heraus ein zwielichtiges Imperium errichtet. Sein Aufstieg und Fall erzählt nicht allein eine persönliche Geschichte, sondern repräsentiert die Möglichkeiten, die das Land dem Fremden bietet

Aus den Bildern von Nury und Vallée spricht stärker die Filmgeschichte als die Geschichte Frankreichs. Die Wohnungen und die Straßen von «Es war einmal in Frankreich» könnten ebenso gut das Setting für einen amerikanischen Film Noir abgeben. Auch die Kleidung hat kein unterscheidbares historisches Aussehen. Den Bilder haftet eine Kälte an, wie man sie häufig im Film Noir findet. Joseph Joanovici ist der einzige unter den Protagonisten der Kollaborationsgeschichten, der offensiv als Antiheld agiert. Seine Eltern wurden 1905 bei dem berüchtigten Pogrom im bessarabischen Kischinow erschlagen. Er ging nach Frankreich, wurde Schrotthändler und machte, obwohl Jude, millionenschwere Geschäfte mit den deutschen Besatzern. Gleichzeitig rettete er andere Juden vor dem Konzentrationslager und unterstützte die Résistance. Die Geldgier dominiert seinen Charakter in einem Ausmaß, dass die Liebesgeschichte zwischen ihm und seiner Frau Eva darüber zerbricht. Sie schimmert nur noch als Nachklang einer früheren Zeit durch, als Joanovici noch nicht der ständig gehetzte Auftraggeber von Killern und Vergewaltigern gewesen ist.

Besonders die kinematografische Panelstruktur fällt ins Auge. Nury und Vallée setzen oft einen Cinemascope-Effekt ein, indem sie die Höhe der Panels schmal halten, während die gesamte Seitenbreite ausfüllen. Solch ein «Breitwand-Panel» steckt buchstäblich den Horizont der Figuren ab. Durch die maximale Bildbreite kann das Bild einen Ausschnitt akzentuieren und gleichzeitig in seiner Umwelt verorten. Am Anfang seiner steilen Karriere fährt Joseph mit einer Zug Karre durch ein Brachland. Im Hintergrund rauchen Fabrikschlote. Erst durch die weite Perspektive zeigt sich, auf welch verlorenem Posten er in seiner Situation steht: Entfernt von den Quellen des Wohlstands, verloren auf einem Brachland, auf dem er Reste davon zu finden hofft.

Trotz seiner Skrupellosigkeit erscheint Joseph Joanovici ambivalent: Als Opfer des Antisemitismus eingeführt, verdient er zunächst allein als Überlebender unser Mitleid. Irgendwann fragt man sich als Leser aber, ob man sich mit einem Drahtzieher von Gewaltverbrechen identifizieren sollte, der auch noch seine große Liebe hintergeht. Dennoch gewinnt er immer wieder Züge von einem wohlwollenden Übervater, der sich um seine Leute kümmert. Die Loyalität, die er immer wieder gegen seine Mitarbeiter und seine Familie beweist, wirkt umso einnehmender für ihn, je mehr sich die Polizei als korrupt erweist.

Nicht nur die Namen, auch die Nationalitäten wechselte Joanovici nach Bedarf. Einen sowjetischen Pass hatte sich der gebürtige Rumäne kurzfristig besorgt, als Frankreich von den Deutschen besetzt wurde, weil er sich durch den Hitler-Stalin-Pakt geschützt fühlte. Als die UdSSR 1941 überfallen wurde, wechselte Joanovici wieder zu seiner ursprünglichen Nationalität. Vor der Gefahr, als Jude deportiert zu werden, schützten ihn Freunde wie René Laffont, der Chef der französischen Gestapo. Diese Freundschaft ließ sich Joanovici den zu der Zeit gigantischen Betrag von fünf Millionen Francs kosten. Weitere zehn Millionen zahlte er, um seinen lukrativen Schrotthandel offiziell in ein »arisches Unternehmen« umzuwandeln. Der Preis war deshalb so hoch, weil nicht nur der Chef der Firma jüdisch war

Seine Zeit hat Joseph korrumpiert wie sie alle korrumpiert hat, so dass seine Kollaboration mit den Deutschen eine Überlebensstrategie wie viele andere ist. Wenn man in einem Dickicht von Intrigen und Verbrechen lebt, stirbt der bessere Teil des Menschen ab: Dieser Film Noir-typische Pessimismus durchzieht mit anderen filmischen Referenzen die ganze Serie. Sie bestimmen den Eindruck im ersten Band stärker als das zeitgeschichtliche Kolorit, obwohl die Figur von Monsieur Joseph auf einer historischen Person beruht.

Eine goldene Nase verdiente sich Joanovici aber nicht nur durch Geschäfte mit den Deutschen. Er arbeitete auch mit der französischen Résistance zusammen, der er Waffen lieferte. Außerdem sabotierte er seine eigenen Metall-Lieferungen an die Deutschen, was er später als Akt des Widerstands verbrämte. Selbstverständlich war Joanovici schlau genug, sich seine Dienste von beiden Seiten bescheinigen zu lassen, was ihn nach dem Krieg zunächst unantastbar machte. Als ihm dann trotzdem die Verhaftung drohte, versteckte er sich in einem DP-Lager bei München, kehrte dann aber freiwllig nach Frankreich zurück. Dort wurde Josef Joanovici 1949 vor Gericht gestellt – allerdings nicht als Nazikollaborateur, sondern »nur« wegen Spekulantentum, Steuerhinterziehung und anderer »Kavaliersdelikte«. Der Kriegsgewinnler bekam fünf Jahre Haft, von denen er zwar nur zwei absitzen musste. Doch er verlor sein sagenhaftes Vermögen. Vieles in der Vita des Juden Joseph Joanovici liegt im Dunkeln. Das beginnt allein schon bei seinem Namen. Er bediente sich einer ganzen Reihe von Namen: »Juanesky«, »Joinou« oder auch mal »Joseph Levy«. Unter diesem Namen kam Joanovici 1957 nach Israel, wo er auf der Flucht vor der französischen Polizei zwei Jahre bei seiner Schwester in Haifa untertauchte. Im jüdischen Staat bleiben durfte er aber nicht, nachdem er aufgeflogen war. Mit seiner Kollaborateurs-Vita war Joanovici ein zu heißes Eisen für Israel, das zu der Zeit zudem beste Beziehungen zu Frankreich pflegte. So wurde er einer von nur drei Juden in der Geschichte Israels, denen die Staatsbürgerschaft verweigert wurde. (Die anderen beiden waren der amerikanische »Kosher-Nostra«-Boss Meyer Lansky und der Sowjetspion Robert Soblen.)

Das Faszinierende an der Figur des Joseph Joanovici ist, dass er mit Begriffen wie gut oder böse nicht wirklich zu fassen ist. Diesen Fehler machen auch die Autoren nicht. Nury und Vallée zeigen den Kollaborateur und Kriegsgewinnler zugleich als liebenden Familienvater und verletzlichen Juden. Die Wahrheit über Joseph Joanovici bleibt, wie sein Leben, im Zwielicht.

„Es war einmal in Frankreich“ Band 1 – 6, Hardcover, Farbe, ca. 56/64/68 Seiten, Preis je 14,95/15,95 Euro

Quelle: comic-check/W. Kesler/J.Scheiner